Von September 2012

Willkommen Wolf

Und nun???
Da sind sie nun also, die ersten seit über 100 Jahren in freier Wildbahn geborenen Wolfswelpen auf dem Truppenübungsplatz Munster.


DPA/ BImA/ Helge John

Die Begeisterung in der Presse und der Politik ist groß, allein das Schäferherz sieht diese Bilder mit gemischten Gefühlen.
So enthusiastisch der Wolf allgemein auch begrüßt wird, so wenig scheint man sich bisher auf politischer Ebene mit den möglichen Folgen auseinandergesetzt zu haben.
Viele Schäfer, die wie wir ihre Tiere zur Landschaftspflege einsetzen, stehen momentan mit einem Berg voller Fragen alleine da.

Die Schafe:
In der Landschaftspflege werden Schafe schon lange eingesetzt, ohne sie gäbe es keine Kulturlandschaften wie z.B. die Lüneburger Heide. Nicht alle Herden werden - wie man es aus der Heide kennt - gehütet. Sehr verbreitet ist auch die sogenannte Koppelhaltung in Landschafts- und Naturschutzgebieten, dabei werden mit Elektronetzen Areale der zu beweidenden Flächen abgeteilt. Sind die Flächen ausreichend abgeweidet, werden die Netze umgesteckt und die Schafe auf den nächsten Teilbereich umgesetzt. Bei dieser Haltungsform ist der Schäfer mit seinen Hunden nicht - wie bei der herkömmlichen Hütehaltung - ständig bei der Herde.
Die Tiere bleiben artgerecht auf den Weideflächen, werden aber täglich kontrolliert, um z.B. ihren Gesundheitszustand zu überwachen, die Netze auf Unversehrtheit zu überprüfen (häufig kommt es auch durch Reh- oder Schwarzwild zu Schäden an den Netzen) und natürlich für genügend Wasser zu sorgen und sicher zu stellen, dass der Futterbestand auf der Fläche noch ausreichend ist.


Die Wölfe:
Der Wolf lebt bekanntermaßen im Rudel. Im Falle des Rudels auf dem Truppenübungsplatz Munster vermutet man, dass die Wölfin aus einem Rudel in Sachsen stammt, über die Herkunft des Rüden ist bisher nichts bekannt. Das legt nahe, dass Jungtiere, die ihr Rudel irgendwann verlassen müssen, sich auf Wanderschaft begeben, um irgendwo mit einem Partner ein neues Rudel zu gründen.
Die bisherigen Erfahrungen mit Wölfen speziell im Nachbarlandkreis Heidekreis (ehem. Soltau-Fallingbostel) zeigen, dass sie sich dabei auch von stark frequentierten Bundes-straßen nicht abhalten lassen, sie wurden mehrfach an der B 71 zwischen Soltau und Munster gesehen, wie sie scheinbar auf eine Lücke im Verkehr warteten, um die Bundes-straße zu überqueren.
Ein ausgewachsener Wolf benötigt täglich 2-3 kg Fleisch, kann aber auch bis zu eine Woche lang hungern. Seine natürliche Nahrung besteht aus großen bis mittelgroßen Huftieren, wobei bevorzugt Jungtiere oder weniger wehrhafte alte, oder schwache Tiere gejagt werden.
Als intelligenter Jäger greift er auf die am leichtesten zu erreichende und am effektivsten zu jagende Beute zurück (Quelle: wolfsregion-lausitz.de)
Es bedarf keiner großen Erklärungen, um sich vorzustellen, dass eine nur durch Elektronetze geschützte Schafherde, die unbeaufsichtigt weitab jeder Zivilisation weidet, selbst bei eigentlich ausreichendem sonstigen Futterangebot, für den Wolf quasi ein Selbstbedienungs-buffet darstellt.


Der Angriff:
Die bisherigen Erfahrungen mit Angriffen auf Schafherden zeigen, dass leider oft nicht nur ein Tier erlegt wird, das als Futter möglicherweise völlig ausreichend wäre, sondern sehr häufig mehrere, wie z.B. im April 2012 in der Wingst, als 20 Schafe gerissen wurden. Dieser Fall wurde nach längeren Untersuchungen von der niedersächsischen Wolfsbeauftragten "eher dem Wolf als einem Hund" zugeordnet (Cuxhavener Nachrichten vom 10. Mai 2012).
Abgesehen von den getöteten Schafen, die man bei gesichertem Wolfsnachweis ersetzt bekommt, ergeben sich für den Schäfer weitere Probleme.
Die aufgescheuchten Tiere können bei ihrer Flucht in den Elektronetzen hängen bleiben und dort dann aufgrund der Stromstöße verenden. Bereits tragende Muttertiere können verlammen und häufig kommt es auch vor, dass noch nicht tragende Tiere aufgrund des Stresses gar nicht erst brünstig werden. Alles Verluste, die dem Schäfer nicht ersetzt werden.
Läuft eine flüchtende Schafherde auf Straßen oder Bahngleise, kann der Schaden schnell ungeahnte Ausmaße annehmen.
Natürlich ist man als Schäfer gegen Schäden, die von der Herde verursacht werden versichert, aber es ist fraglich, ob dies auch noch gilt, wenn der Schaden ursächlich durch einen Wolfsangriff entstanden ist.
Allein das Auftauchen des Wolfes hat bereits zu einer Anhebung der Haftpflichtprämien für Wanderschäfer geführt, nicht auszudenken, wie sich das entwickelt, wenn die Versicherungen für die ersten Schäden durch von Wölfen aufgescheuchte Herden aufkommen müssen.

Welcher Schutz ist wirksam?
In Niedersachsen gibt es bislang keine Vorgaben seitens der Politik, welche Schutz-maßnahmen getroffen werden müssen, um im Falle eines Wolfsangriffs den Schaden ersetzt zu bekommen.
Vielerorts hört und liest man, ausreichend hohe Elektronetze seien ein nachhaltiger Schutz gegen Wolfsangriffe. Zu berücksichtigen ist in jedem Fall folgendes:
In der Landschaftspflege ist es schlicht nicht möglich, beispielsweise einen Draht oder ein Netz in den Boden einzulassen, um ein Untergraben der Netze zu verhindern.
Auf jahrelang brach liegenden Flächen sind die Böden uneben, so dass auch ein enges Anliegen der unteren Bodenlitze nicht sichergestellt werden kann.
Wer schon einmal einen ausgewachsenen Wolf im Wildpark gesehen hat, kann sich vorstellen, dass ein 90 cm hohes Netz (wie mir persönlich von der Wolfsbeauftragten empfohlen wurde), für diesen kein Hindernis darstellt. Unser Border Collie, der deutlich kleiner als ein Wolf ist, überspringt diese Höhe im Schlaf.
Auch Flatterbänder zeigen keine dauerhafte Wirkung, da die intelligenten Beutegreifer schnell bemerken, dass von diesen keine Gefahr ausgeht.
Bleibt also nur der Einsatz von höheren Netzen (140cm oder höher). Allerdings drückt auf solch hohe Netze eine enorme Windlast und auf weichen Böden werden diese trotz Sicherung leicht umgedrückt.
Den einzig bekannten, auch langfristig wirksamen Schutz gegen Wolfsrisse stellt der Einsatz von Herdenschutzhunden oder Eseln dar, die dauerhaft in der Herde leben und diese gegen jedwede Art von Eindringlingen verteidigen.


Probleme:
Ein 140cm hohes Netz kostet 160 €. Der Einsatz von bis zu 50 Netzen ist keine Seltenheit in der Landschaftspflege, der zu erwartende Kostenfaktor also immens. Ebenso ist die Haltung von Herdenschutzhunden nicht gerade kostengünstig.
Abgesehen von den reinen Anschaffungskosten, benötigen diese sehr großen Hunde kostenintensives Spezialfutter und natürlich entsprechende Versicherungen.
Die Akzeptanz von Herdenschutzhunden ist in der Bevölkerung noch sehr problematisch.
Es gibt viele Vorurteile, diese Hunde seien aggressiv und eine Gefahr für jeden, der in die Nähe der Zäune kommt.
Schäfer die bereits mit diesen Hunden arbeiten, berichten dagegen von sehr positiven Erfahrungen.
Sie sind in der Tat äußerst wachsam, akzeptieren dabei aber die Umzäunung der Herde als Grenze die nicht überschritten wird.
Sie warnen innerhalb der Umzäunung durch lautes Verbellen und dominantes Auftreten jeden, der sich der Herde nähert, die Umzäunung nicht zu übertreten.
Sie überspringen jedoch normalerweise nicht den Zaun, um Mensch oder Tier zu verfolgen, da ihr Ziel der Schutz der Herde ist und nicht die Verfolgung von potentieller Beute.

Esel stellen im Herdenschutz bisher nur eine wenig verbreitete und erforschte Randgruppe dar und sind aufgrund rassetypischer Eigenschaften nicht auf allen Flächen einsetzbar. Weiterhin können kalte und nasse Winter für Esel problematisch werden. (Quelle: www.lfl.bayern.de/itz/herdenschutz/37491/index.php)


Aussichten:
Informationen über Wolfsvorkommen sind anscheinend gar nicht so leicht zu bekommen. Selbst in Schäfer- und Jägerkreisen, sonst in der Regel gut informiert, sind oft nur die spärlichen Informationen bekannt, die nach Wolfssichtungen oder -angriffen der Lokalpresse zu entnehmen waren. Manchmal hat man den Eindruck, die Behörden tun sich mit der Weitergabe der ihnen bekannten Informationen äußerst schwer.
Eine uns bekannte Schäferin aus dem Kreis Segeberg bekam behördlicherseits keinerlei Informationen, wo in ihrem Landkreis der Wolf nachgewiesen wurde.
Auch wundert man sich, wo der Wolf im Kreis Cuxhaven seit dem im Mai 2012 letzten bekannten Riss geblieben ist. Abgewandert? Noch da? Wissen sie es überhaupt? Was weiß man wirklich?
Sollte es sich bewahrheiten, wonach einer Studie des Bundesamtes für Naturschutz (BfA) zufolge in Deutschland Platz für 400 Wolfsrudel wäre, würde dies die Schafhaltung im ganzen Land vor enorme Probleme stellen.
Viele Schäfer, egal ob Haupt- oder Nebenerwerb, müssten sicherlich allein aus finanziellen Gründen aufgeben, bzw. würde so mancher der emotionalen Belastung, die ein Wolfsriss mit sich bringt, vielleicht nicht gewachsen sein.
Damit würden vielerorts die Schafherden verschwinden und ihre wichtige Funktion für die Landschafts- und Naturschutzpflege, Artenvielfalt, Deichschutz usw. wegfallen, aber auch wichtige Traditionen, die das Leben im ländlichen Raum lebenswert machen, gingen verloren.
Auch die vorhandene Artenvielfalt bei den Schafen selbst wäre bedroht, denn viele Schafrassen sind schon heute in ihrem Bestand gefährdet.
Was vielleicht noch bleibt, wären einige ganz wenige Wanderherden, die von besonderem touristischen Interesse sind und in die dann entsprechend viel Geld gesteckt wird, und einige Stallherden, die nie eine grüne Wiese zu sehen bekommen und als reine Stallmastlämmer auf unseren Tellern landen.
Da selbst die jetzt noch vergleichsweise zahlreich vorhandenen Herden nicht den heimischen Bedarf decken können, wird noch stärker auf Lammfleisch aus Übersee zurückgegriffen. Das Lammfleisch, was "vor der Haustür wächst" und ein artgerechtes Leben im Grünen hatte, wird es dann immer weniger geben.


Was kann / muss getan werden?
Vorneweg: Wir haben nichts gegen die Wiederansiedelung des Wolfes, wohl aber gegen eine Politik, die nur einseitig handelt.
Wer den Wolf willkommen heißt, muss denen, die durch seine Rückkehr Schaden erleiden können, nicht nur den Schaden ersetzen, sondern bereits im Vorwege entsprechende Schutzmaßnahmen wie. z.B. die Beschaffung von höheren Netzen oder Herdenschutz-hunden auch finanziell unterstützen.
Diese Forderung wird von der Bundesvereinigung der Landesschafzuchtverbände bereits seit längerem gestellt, stößt aber bisher in der Politik auf taube Ohren.
Wir brauchen ein - in Zusammenarbeit mit Schäfern und allen anderen durch den Wolf betroffenen Gruppen - erarbeitetes klares Konzept, welche Schutzmaßnahmen gefordert werden, um Regressansprüche geltend machen zu können, und darüber hinaus genauso klare Angaben darüber, welche präventiven Schutzmaßnahmen in welchem Rahmen gefördert werden.
Wenn der Wolf auch in Schäferkreisen willkommen sein soll, dürfen diese nicht mit den im Raum stehenden Problemen allein gelassen werden.
Liebe Politiker, bitte wartet nicht, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, bzw. das Schaf gerissen wurde.
Wir brauchen jetzt Hilfe, um unsere Herden zu schützen und zu erhalten, dann ist eine Koexistenz von Schafen und Wölfen hoffentlich möglich.


Wir bedanken uns für Ihre Unterstützung!